Das Schwein, das lachte

von Stefan

Den Öko-Bauernhof Herrmannsdorfer Landwerkstätten in Glonn in der Nähe von München gibt es seit 26 Jahren. Sein Gründer Karl Ludwig Schweisfurth hat einst Herta zum größten fleischverarbeitenden Industrieunternehmen Europas gemacht gemacht. Heute setzt er sich für Ethik in der Tierhaltung ein – auch bei der Schlachtung

Wenn man in die Wohnküche von Karl Ludwig Schweisfurth kommt, könnte man meinen man betritt einen lebendig gewordenen Manufactum-Katalog oder ist in eine Geschichte der Zeitschrift „Landlust“ gefallen. In der Küche des Gründers der Herrmannsdorfer Landwerkstätten dominiert ein gewaltiger Holztisch, alte Messer sind darauf verteilt. Es gibt einen großen Ofen, Töpfe Pfannen. Der Hausherr steht mittendrin, trägt eine Lederhose und einen Hut. Die gute alte Zeit ist sehr lebendig hier, vor den Toren Münchens. Bevor er das Gespräch beginnt, fordert er einen erst einmal auf, sich im Hofladen mit den Produkten der Landwerkstätten vertraut zu machen. Hier gibt es Schweine, Rinder, Schafe, eine Öko-Bäckerei und eine Käserei. Alles streng ökologisch und sehr ethisch. Man soll riechen, fühlen, schauen.

In den Wohnräumen von Karl Ludwig Schweisfurth hängen Ölgemälde, die Szenen von Schlachtungen zeigen. Darauf angesprochen lacht der Alte. Ja, es mag Leute geben, die so etwas abstoßend finden. Aber das liege doch daran, dass der moderne Mensch den Bezug zum Tier und zur Schlachtung verloren hätte. Er selbst finde so etwas schön, ästhetisch, sagt er und zeigt auf ein Bild, das in stilisierter Form zeigt, wie ein Schwein zerlegt wird. Es hängt bei ihm im Hausflur.

Sich den Hof anzuschauen ist kein Problem. Herumgehen, fragen, anfassen. Alles ist erlaubt. Die Schweine sind groß, haben schwarzen Flecken und fühlen sich offenkundig – sorry für den Kalauer aber es stimmt – sauwohl. Die Hühner sind riesig und blütenweiß. Sie haben einen sauberen Stall und können jederzeit raus in ein großzügiges Freilaufgelände. Alles ist vorbildlich. Alles ist so, wie es Konsumenten auf den Packungsbildern der Lebensmittelindustrie oft vorgegaukelt wird. Wer ein solches, ehemals glückliches, Grillhähnchen aus dem Hause Herrmannsdorfer daheim auf dem Teller haben möchte, der zahlt aber einen hohen Preis. Je nach Gewicht plusminus 20 Euro pro Huhn. Ein Supermarkt-Hähnchen kostet tiefgefroren 1,99 Euro. Es ist der zweite Preis, der mittlerweile als normal gilt. Dabei sind 1,99 Euro für ein Huhn alles andere als normal. Karl Ludwig Schweisfurth kann sich richtig aufregen, wenn er über industrielle Massen-Tierhaltung redet. Seine Stimme zittert dann. Das Buchs „Tiere essen“ des US-Bestseller-Autors Jonathan Safran Foer hat er verschlungen. Seit diesem Buch sei er zum Vegetarier geworden sagt er und schaut eine.

Der Effekt ist bestimmt kalkuliert, aber er funktioniert. Wie? Vegetarier? Aber die Schweine werden doch hier auch geschlachtet …  „Ich bin Auswärts-Vegetarier. Ich esse kein Schwein und kein Huhn, wenn ich nicht in Herrmannsdorf bin“, sagt er dann triumphierend. Ein Auswärts-Vegetarier also. Und wenn man keine Verkaufsstelle von Herrmannsdorfer in der Nähe hat? Dann habe man eben Pech gehabt. So einfach ist das für den Hausherren aus Herrmannsdorf. Schweisfurth ist keiner, der predigt oder einfache Lösungen anbietet. Das mit dem Bio-Fleisch sei ja ganz okay, meint er. Aber auch Bio-Schweine würde in konventionelle Schlachthöfe gebracht und dort gehe dann das Elend los. Hinter der Schlachthof-Tür beginne auch für das Bio-Schwein oft ein unsägliches Martyrium. „In Großschlachthäusern wird mit Tieren umgegangen wie mit Schrauben“, sagt Schweisfurth, „in dem ganzen Agro-Industriellen-Komplex vermisse ich Ethik und Moral.“

Karl Ludwig Schweisfurth ist das nicht fremd. Er war selbst ein Pionier der Massentierhaltung. 1955 ging er als junger Metzger auf Inforeise in die USA. „Die New Yorker Merkel Inc. war damals ein einziges Faszinosum für mich“, erzählt er in seine Buch „Tierisch gut„. „Wir sahen als erstes ein langes Fließband, auf das tote Schweine fielen.“ Die großen Industrie-Schlachthöfe der USA waren noch in den 50er Jahren in Europa weitgehend unbekannt. Geschlachtet wurde dort in riesigen Fabrikhallen mit eigenen „Kill-Floors“ – Stockwerken, die nur für das Töten am Fließband vorgesehen waren.

„Bei uns in den Staaten muss man nicht wie eine Hyäne die Knochen abnagen. Fleisch hat man hier in Hülle und Fülle“, erinnert sich Schweisfurth an einen Ausspruch eines amerikanischen Industrie-Metzgers aus den Fünfzigern. Der junge bayerische Metzgers-Bursch war begeistert von der Perfektion, von den Maschinen, von der Automatisierung. Wieder zuhause begann er den  den elterlichen Familienbetrieb nach dem Vorbild großer US-Schlachthöfe neu zu organisieren. Aus der Landmetzgerei Herta wurde so das größte fleischverarbeitende Unternehmen Europas. Anfang der 80er Jahre wurden bei Herta noch rund 250 Schweine pro Stunde geschlachtet. Als er den Betrieb 1984 an den weltweit agierenden Lebensmittel-Konzern Nestlé verkaufte, wurden bei Herta 25.000 Schweine und 5.000 Rinder pro Woche geschlachtet. Eine kleine Menge, im Vergleich zu dem was heute in der Industrie Standard ist. Industrielle Schlachthöfe bringen es auf bis zu 1.500 geschlachtete Schweine pro Stunde in einer einzigen Schlachtlinie einer Anlage. Pro Jahr werden alleine in Deutschland rund 56 Millionen Schweine in Industrieanlagen geschlachtet.

Und wie wird nun in Herrmannsdorf geschlachtet? Auch hier werden die Tiere nicht zu Tode gekitzelt. Zunächst einmal wird aber nicht am Fließband getötet. Zwei Tage pro Woche ist Schweine-Schlachttag. Dabei werden circa zehn Schweine pro Stunde getötet, jeweils drei Stunden lang. Jedes Schwein wird einzeln abgeführt, von einem Schlachter mit einer elektrischen Zange von Hand betäubt und unter Betäubung abgestochen. Das Schwein stirbt am Blutverlust.  An weiteren Werktagen werden andere Tiere geschlachtet: Ochsen, Lämmer, Kälber.

Schweisfurth und seine Mitarbeiter legen Wert darauf, dass beim Schlachten kein Schrei der Tiere zu hören ist. „Ein Tier zu töten, ist immer eine Tragik“, sagt er, „das Lebensmittel Fleisch ist mehr als Materie. Mit dem Fleisch esse ich Leben.“ Darum wird das Fleisch in Herrmannsdorf auch schlachtwarm verarbeitet, bevor die Körperstarre eintritt. Das ist in der industriellen Fleischverarbeitung nicht möglich.

Schweisfurth ist ein ausgebildeter Metzger, der sich Gedanken macht über das Töten. Er ließ schon bei Herta Beispiel Kunstwerke in die Schlachthallen hängen, um seinen Arbeitern das Töten im Akkord erträglicher zu machen. Einmal führte er sogar Joseph Beuys durch sein Schlachthaus, um ihm die Kunstwerke zu zeigen. In der Branche galt das mit ziemlicher Sicherheit als sehr verschroben.

Keines von Schweisfurths Kindern wollte seine Nachfolge bei Herta antreten – im Gegenteil. Seine Kinder hätten ihm immer ins Gewissen geredet, mit der industriellen Fleisch-Produktion aufzuhören, erzählt er heute. 1984 schließlich zog sich Schweisfurth aus dem großen Geschäft zurück. Er verkaufte Herta an Nestlé und gründete bald darauf die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Heute arbeitet er dort Seite an Seite mit seinen Kindern. Sein Sohn Karl führt die Geschäfte der Landwerkstätten. Dessen Zwillingsbruder Georg gehört zu den Gründer der Bio-Supermarktkette Basic. Karl Ludwig Schweisfurths Tochter Anne kümmert sich um das an den Hof angegliederte „Dorf für Kinder und Tiere“. Das ist ein ein Schullandheim, in dem Kinder mit Fragen der Ernährung und der traditionellen bäuerlichen Tierhaltung vertraut gemacht werden.

Karl-Ludwig Schweisfurth ist in gewissem Sinne ein Radikaler. Er hat mit Herta die industrielle Massentierhaltung nach Deutschland gebracht. Er hat das Konzept vom Tier als Ware radikal vorangetrieben. Jahre später hat er dann genauso radikal die Wende vollzogen, sich vom Saulus zum Paulus gewandelt. Glaube und Ethik spielen eine große Rolle für ihn. Er spricht viel von der Schöpfung, von Demut gegenüber dem Leben. Wahrscheinlich hat sich der zweite radikale Schritt, vom Schweine-Saulus zum Bio-Paulus schon eine ganze Weile in seinen Hirnwindungen festgesetzt, bevor er soweit war.

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten machen heute, im 25. Jahr ihres Bestehens, einen Umsatz von rund 15 Millionen Euro pro Jahr und beschäftigen ca. 200 Mitarbeiter. Der Umsatzwachstum allein im Januar 2011 betrug 20 Prozent. Herrmannsdorfer könnte weiter expandieren, aber Schweisfurth will das nicht. Der Betrieb habe eine Größe erreicht, mit der sich die Philosophie von nachhaltiger und in seinen Augen ethischer Fleischerzeugung gerade noch umsetzen lässt.

Bestandteil des Hofs ist noch eine Bäckerei, eine Käserei, eine Bierbrauerei sowie ein Gasthaus, das wie das Bier den Namen „Schweinsbräu“ trägt. Auf dem Etikett der Flasche ist ein Saukopf mit Perlenkette abgebildet.

Für die hofeigenen Fleisch- und Wurst-Produkte wurde das Label ÖQ erfunden. Das steht für „Ökologische Qualität“. Zwei noch relativ junge Projekte Karl-Ludwig Schweisfurths sind die Symbiotische Landwirtschaft und das Schlacht-Fest-Haus. Die Symbiotische Landwirtschaft ist eine fast schon utopische Vision einer radikalen Abkehr von industrieller Tierhaltung, die weit über heute übliche Öko-Tierhaltung hinausgeht. In Schweisfurths Symbiotischer Landwirtschaft leben Schweine Gänse und Hühner gemeinsam auf einem kleinen Hof. In seinem Buch „Tierisch Gut“ hat er eine Bauanleitung für einen Hof der Symbiotischen Landwirtschaft niedergeschrieben, inklusive dem dazugehörigen Schlacht-Fest-Haus. Schweisfurth will die Tierhaltung und vor allem auch das Schlachten herausholen aus der industriellen Anonymität der Groß-Schlachthöfe und wieder das Metzger-Handwerk ins Bewusstsein der Menschen bringen. In den heutigen Industrieanlagen schimpft er, da würden ja keine Metzger mehr arbeiten, sondern Betriebswirte und Wissenschaftler in weißen Kitteln mit Hauben auf dem Kopf.

Schweisfurth hat gleichzeitig mit seinen Landwerkstätten auch eine eine Stiftung gegründet, die seinen Namen trägt und die sich für Naturschutz und Nachhaltigkeit einsetzt. Das neuste Projekt im Jubiläumsjahr ist das Herrmannsdorfer Landhuhn. Dabei werden alte, so genannte Zwei-Nutzungs-Hühnerrassen wieder neu gezüchtet und verkauft. Zwei-Nutzungs-Hühner sind solche, die sowohl Eier legen als auch gegessen werden können. In der modernen Hühnerhaltung – auch bei Bio-Hühnern – gibt es das so gut wie gar nicht mehr. Hühner werden normalerweise als reine Mast-Hühner oder reine Lege-Hennen gezüchtet. Um das Landhuhn-Projekt der Herrmannsdorfer zu unterstützen, kann man ein so genannten Landhuhn-Darlehen abschließen. Dabei zahlt man 300 Euro an Herrmannsdorfer. Das Geld wird in den Ausbau des Projekts investiert und man bekommt zehn Jahre lang jedes Jahr einen 40-Euro-Einkaufsgutschein der Landwerkstätten. Eine Dividende in Wurst und Eiern.

„Wir sind zum Fleischverbrauch dressiert worden“, ruft der Gründer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten in seiner Wohnküche. Karl Ludwig Schweisfurth kann sich richtig aufregen, wenn er sich über die heutige Fleisch-Industrie in Rage redet: „Wir haben einen Garten Eden bekommen, um ihn zu bebauen und zu bewahren. Und was machen wir: Mit unserer unseligen Fleischfresserei fressen wir die Erde kahl.“ Damit spielt er auf die in der Tat gewaltigen Auswirkungen des Fleischkonsums der Industrie-Nationen auf die Umwelt an. Nahezu ein Drittel der Landfläche der Erde wird für Nutztiere verbraucht.

Der Umwelt-Aspekt ist wichtig, aber für Schweisfurth nicht entscheidend. Ihm geht es um die „Demut vor der Schöpfung“. Um altmodische Dinge wie Moral, Ethik und Handwerk. Aber was kann er mit seinem einen Hofgut ausrichten gegen die weltweit agierenden Lebensmittelkonzerne, gegen seine alte Firma und alle die anderen? Er zuckt die Achseln und sagt: „Wir haben uns die Welt in nur einer Generation so eingerichtet. Aber wir können sie auch wieder ändern!“

Das letzte Bild, das bleibt von dem Besuch in Herrmannsdorf ist ein Schwein. Was könnte das anderes sein? Es ist ein kapitales Schwein. Es steht auf einem kleinen Hügel und mampft Gras. Fast sieht es so aus, als würde es lachen.

Dieser Text von mir erschien ursprünglich im vergangenen Jahr in leicht bearbeiteter Fassung in der Kochzeitschrift „Eat Smarter

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