Vertriebskanal Grundschule

gaensefuessschen Die Grundschule wird von einigen findigen Firmen gerne als Vertriebskanal genutzt. Unser Sohn geht mittlerweile in die zweite Klasse und seither haben wir bereits so einige Verkaufsaktionen miterleben dürfen. Gerade Verlage gehen dabei durchaus geschickt vor und meistens ist es Schülern, Eltern und vermutlich auch Lehrern nicht unbedingt bewusst, dass hinter freundlichen Angeboten oft wirtschaftliche Interessen stecken. Einige Beispiele aus eigener Erfahrung:

“Gänsefüßchen”

Viermal pro Jahr erscheint ein Verkaufs-Heftchen namens “Gänsefüßchen”. Darin werden “Bücher für Mädchen und Jungen zwischen 5 und 10 Jahren” offeriert, und zwar besonders “günstige” Bücher. Der Verlag an der Este bietet in den Prospekten Restauflagen und günstige Preisgebundene Bücher zu aktuellen Themen an. In der Winterausgabe z.B. ein Buch zum “Wickie“-Film oder ein Pettersson und Findus Winter-Buch. Die Bestellung wird auf geradezu vorsintflutliche Weise abgewickelt. Hinten auf dem Prospekt ist ein Bestellformular, auf dem man die gewünschten Bücher ankreuzt. Das Geld für die bestellten Bücher, soll man dann “in einen Umschlag stecken” (!) und “der Organisatorin/dem Organisator des Gänsefüßchens in der Schule zukommen lassen.”

Warum machen Grundschullehrerinnen und -lehrer das gerne: Weil es für zehn bestellte Bücher ein Buch gratis für die Schule gibt. Und der Verlag spendet auch noch treuherzig 25 Cent pro Buch an die armen Kinder in Afrika und sagt, dass die Spende vom Verlag nochmal um 25 Cent aufgestockt wird. Das ist alles gut und schön und heile Welt, was mich aber ein bisschen stört, ist dieser Weg über die Grundschule. Es entsteht automatisch ein unterschwelliger Gruppenzwang, Bücher aus diesem Prospekt zu bestellen. Die Lehrerin oder der Lehrer teilen die Dinger aus – damit hat das für die Kinder quasi offiziellen Charakter. Und wenn dann andere Kinder ihre Bestellzettel zurückbringen, will der eigene Junior da nicht zurückstehen.

Der Duden-Verlag

Der Duden-Verlag aus Mannheim hat über die werte Lehrerschaft der Grundschule in der ersten Klasse Prospekte für Schüler-Duden und Lexika verteilen lassen. Wenn man die bestellt hat, bekam man ein irgendsoein Lexikon dazu geschenkt. Ich habe das Ding gleich im Papiermüll entsorgt. Wir haben genug Lexika daheim und ich sehe nicht ein, einen billigen Marketing- und Adressfänger-Trick zu unterstützen. Die Sache war schon vergessen, als unser Sohn Tage später einen Riesenaufstand machte, weil wir noch “diesen Zettel” abgeben müssen! “Dieser Zettel”! Es gab Gezeter und Geheule, weil mir erst nach einem Anruf bei anderen Eltern aufging, was er mit dem “Zettel” meinte: den vermaledeiten Bestellzettel für den bekloppten Duden. Kinder haben einfach noch kein Gespür dafür, was Werbung ist und was wichtig. Und die bekommen weiß Gott auch genug offizielle Zettel  von der Schule mit. Die Unbedarftheit von Kindern wird von einigen Firmen gnadenlos ausgenutzt.

Die “Flohkiste”

Das ist eine Zeitschrift, die vierzehntäglich für die 1. und 2. Klasse erscheint und zum Lesen animieren soll. Auch der Verlag der “Flohkiste” wendet sich gerne an Grundschullehrer und offeriert “ganz tolle” Lese-Übungshefte. Diese gibt es sogar gratis, wenn man pro Klasse drei Probe-Abos abschließt, die auch kostenpflichtig sind, im Regelfall aber von allen Eltern der Klasse gemeinsam gezahlt werden. Ein Jahresabo kostet 22,40 Euro. Ja, das mag alles seine Berechtigung haben und die Übungshefte sind bestimmt toll und das Geld der öffentlichen Hand ist knapp usw. Aber erneut ist da ein Staunen, wie leichtfertig man sich in der Schule den Marketing- und Vertriebsinteressen eines Verlages unterwirft.

Schon einmal habe ich hier über den Marketing-Trick für Elmex Kinder-Zahnpasta in Kindergärten geschrieben. Diese Marketing- und Vertriebsmasche funktioniert übrigens nicht nur bei den Kindern ganz prima. Auch viele Eltern nehmen alles, was in Grundschule und Kindergarten präsentiert wird, scheinbar ohne zu nachzufragen in die eigene Lebensanschauung auf. Ich habe mich mal über die Elmex-Aktion im Kreis erwachsener Menschen ausgelassen. Die Anwesenden waren felsenfest davon überzeugt, dass Elmex die BESTE Zahnpasta überhaupt ist. Basta, Zahnpasta. Nun mag diese Zahncreme ja nicht schlecht sein, bestimmt ist die sogar gut. Aber andere Zahncreme ist eben auch gut und deren Hersteller verteilt keine Pröbchen im Kindergarten. Und Jugendbücher, die ich im Buchladen  oder bei Amazon kaufe sind auch nicht schlechter als die von “Gänsefüßchen”.