Auf der Suche nach dem perfekten Rucksack ist mein erster Kandidat ein Klättermusen Gungner mit 40 Liter Fassungsvermögen. Hier sollten vielleicht zu allererst ein paar Worte über die schwedische, darf man das sagen?, Kultfirma Klättermusen verloren werden. Klättermusen ist so eine Firma, bei der Eingeweihte kennerhaft mit der Zunge schnalzen und die Jack-Wolfskin-Fraktion verständnislos die Achseln zuckt. Klättermusen ist nicht direkt auf dem Massenmarkt präsent und es gibt hierzulande nicht viele Geschäfte oder Versender, die diese Produkte führen. Eines der wenigen Ladengeschäfte in Deutschland, die Klättermusen-Produkte führen, ist die Globetrotter-Filiale in Hamburg – aber auch dort gibt es nur ein sehr eingeschränktes Sortiment, z.B. die Panzer-artige Jacke Brede.
Die nordische Coolness der Firma zeigt sich u.a. in den Namen der Produkte, die meist mythischen Kontext haben. Gungner beispielsweise ist der Speer des Odin. Der Trekkingrucksack aus dem Hause Klättermusen wurde nach Thors Hammer Mjölner benannt. Und die Schweden stellen sogar Jacken und Pullover mit dem Namen Mithril her – das unzerstörbare Zaubermetall aus Tolkiens “Herr der Ringe”. Klättermusen hat sogar eine Version der Mithril-Jacke gefertigt, die komplett aus Kevlar besteht. Das ist natürlich sauteuer (411 Euro für eine Softshell-Jacke ohne Kapuze) und völlig unnötig – aber doch faszinierend in der Kompromisslosigkeit. Man muss dem Hersteller zu Gute halten, dass man sich dort über Preis und Irrwitz solcher Sperenzchen im Klaren ist. Der Preis der Mithril-Kevlar wird von Klättermusen selbst als “grauenerregend hoch”. Weiter heißt es in der offiziellen Produktbeschreibung: “Offen gesagt gibt es keinen funktionellen Grund, dieses exklusive Material für einen Sweater zu verwenden. Es ist tatsächlich zuviel des Guten. Sollten Sie ihn kaufen, gehen Sie davon aus, mit ihm dem Rest Ihres Lebens zu verbringen, und vergessen Sie nicht, ihn in Ihrem Testament zu erwähnen.” Für diesen bewundernswerten Unsinn hat Klättermusen sogar 2011 einen Outdoor Industry Award gewonnen.
Klättermusen-Produkten eilt also nicht ganz umsonst der Ruf voraus, extrem funktional, extrem robust, extrem gut designt und extrem teuer zu sein. Insofern ist der Rucksack Gungner ein typisches Klättermusen-Produkt. Er kostet im deutschen Handel knapp 210 Euro – nicht eben wenig für einen 40-Liter-Rucksack mit minimalistischer Ausstattung. Aber er ist eben auch ein besonders schöner Rucksack. Es gibt ihn in schwarz (empfehlenswert), grün (bedingt empfehlenswert) und einem Augenschmerzen verursachenden zitronengelb (nicht empfehlenswert!). Getragen macht er eine tolle Silhouette, die flexible Kordel am Deckel ist in einem dezenten rotweiß gehalten, an einer Ecke wurde eine sehr kleine Schweden-Fahne angebracht (kennt man von Fjäll Räven, die das ein bisschen offensichtlicher machen). Die Schnalle des Beckengurtes ist aus Metall mit Klättermusen-Logo. Der Boden des Rucksacks und der Auslass für das Trinksystem sind mit Kevlar verstärkt. Das alles sieht schon verdammt gut aus und macht einen außerordentlich robusten und gut verarbeiteten Eindruck.
Der Klättermusen Gungner verfügt über eine Rollöffnung, die Zugriff zum Hauptfach bietet. Besonderer Pfiff: Man kann die Rollöffnung auf zwei Arten schließen. Entweder Man rollt sie relativ weit ein und schließt den Deckel mit je einer Schnall links und rechts. In diesem Fall sitzt die flexible Kordel auf dem Deckel des Gungner und man kann daran noch weiteres Gerödel befestigen. Hat man mehr geladen, rollt man den Sack weniger weit zu und verschließt die beiden Schnallen an der Öffnung miteinander, wie man es von einem klassischen Packsack, z.B. von Ortlieb, gewohnt ist. Dadurch kann man zwar die Kordel nur noch eingeschränkt nutzen, erhält aber deutlich mehr Volumen im Hauptfach. Die Rollöffnung und das hochwertige Material legen nahe, dass der Gungner auch einen Regenguss ohne Hülle ohne weiteres wegstecken kann. Er wird vom Hersteller allerdings nicht als wasserdicht bezeichnet.
Überhaupt ist der 40-Liter-Gungner ein recht ausgewachsener Sack. Die Beckengurte sind üppig gepolstert, steif und hochwertig. Mit diesen Gurten dürften auch schwerere Lasten ohne Probleme bequem zu tragen sein. Neben der 40-Liter-Version gibt es den Gungner auch noch mit 50 Liter Fassungsvermögen – damit erhält man dann schon einen kleinen Trekking-Rucksack. In den Brustgurt eingearbeitet hat der Gungner die bei Skandinaviern übliche Not-Pfeife. Der üppige Beckengurt wird beim Einsatz als Kletterrucksack allerdings eher von Nachteil. Man kann den Beckengurt allerdings (eher umständlich) auch entfernen.
Nun zu den Nachteilen: So hübsch er ist, der Gungner. Gerade für seinen stolzen Preis ist doch arg wenig dran. Gerade mal eine mickrige kleine Innentasche für Wertsachen gibt es. Kein Deckelfach, keine Seitentaschen (kann man für horrende Preise nachrüsten), keine Tasche für ein Trinksystem. Auch an der Außenseite gibt es außer der Deckel-Kordel keine offensichtlichen Befestigungspunkte. Allerdings werden zwei Schlaufen mitgeliefert, die man in winzig kleine Aussparungen an der Rucksack-Außenhülle einhängen kann. An diesen Schlaufen kann man dann Stöcke, Eisäxte oder sonstwas befestigen. An den zahlreich vorhandenen Aussparungen kann man theoretisch noch weitere Riemen oder Schlafen anhängen – was freilich das elegante Erscheinungsbild dieses Klättermusen-Sacks trüben dürfte.
Das Innere des Gungner ist sehr dunkel, was zum unschönen Black-Hole-Effekt führt, wenn man Ausrüstung sucht, die in den Untiefen des Sacks verschwunden ist. Eine Tasche zur Aufnahme eines Trinksystems wäre bei dem stolzen Preis kein Luxus gewesen. Minimalismus gut und schön – am Ende bietet der gute Gungner aber doch ein bisschen wenig Ausstattung für das viele Geld. Klättermusen-Freunde bezeichnen sich selbst gerne als Mitglieder im Klättermusen-Club. Mitglied in diesem erlauchten Kreis wird man mit Erwerb eines der Stücke der Firma. Meine Mitgliedschaft muss leider noch ein wenig warten. Der Gungner und ich sind nicht zusammengekommen.
Hier ist die Gungner-Beschreibung auf der Klättermusen-Website.
Die Suche nach dem perfekten Rucksack geht weiter. Demnächst: mit dem Crux AK47.
Der KlättermusenGungner ist in Deutschland u.a. hier erhältlich:




