Dies ist die Geschichte eines Luxus-Skiurlaubs in den österreichischen Alpen. Alles hat sich genauso zugetragen. Die Namen des Hotels und handelnder Personen wurden abgeändert. Es soll folgende Teile geben: In der Sauna, Bei den Russen, Im Schwimmbad, Im Restaurant und Auf der Piste
Da hocken diese zwei Typen in der Sauna des “Resort-Spa“. Vermutlich mittleres Management bei einer Bank, jedenfalls reden Sie über Frankfurt und Sauna und Massagen. Der eine sagt, er geht immer zu “den drei Thai-Mädels in der Kaiserstraße”. Frankfurt, Kaiserstraße, war da nicht was? Bahnhofsviertel usw. In der Tat. Es handle sich, so führt der Experte weiter aus, um drei Mädels, die “ihre Sache sehr gut machen” und es gebe einen “Opa” am Empfang. “Mit Happy Ending?“, fragt der andere Mittel-Manager. Der Experte belehrt ihn, dass er einen Gutschein “für drei Mal” habe, da sei einmal “Happy Ending” mit drin. “Auf Wunsch auch vom Opa.” Kerniges Männer-Lachen in der Sauna ertönt. Es gibt Angenehmeres.
Zum Beispiel den Auftritt von Alex. Alex ist der Sauna-Zeremonienmeister des Alpen-Resort und er ist neu in dieser Saison. Immer müssen jede Saison neue Attraktionen her. Diesmal hat man gleich aus dem Vollen geschöpft und neben dem XXL-Schwimmbad und einem Fondue-Restaurant eben auch Event-Aufgüsse in der Sauna eingeführt. Zunächst bin ich irritiert als der kahlköpfige, muskulöse junge Mann mit akkurat gestutzten Bart und Glatze die Sauna betritt. “Hallo erstmal, ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten…” Eine Rüdiger-Hoffmann-Hommage als Auftakt zum Aufguss. Nein, ich weiß tatsächlich nicht, wer er ist. Er ist “der Alex”, Nachnamen sind in Sauna-Kreisen unnötig. Der Alex erklärt, was er gleich tun wird, den Gute-Nacht-Aufguss einläuten nämlich. Der ist beliebt in Kenner-Kreisen, weil es hinterher ein kaltes Bier aufs Haus gibt. “Rücken sie jetzt alle ganz nah zusammen, dann muss ich nicht so viel Fächeln”, sagt der Alex und beruhigt gleich wieder, als die Ersten nervös so tun, als würden sie zusammenrücken anfangen. Nein, nein, war nur ein Witz. Genauso ein Gag wie die Information, dass er als Sauna-Aroma “Rotkohl mit Klößen” gewählt habe, weil man danach so gut einschlummern könne. Der Alex bringt eine Schote nach der nächsten. Verdammt schwierig, sich das alles zu merken. Bei der Hitze (90 Grad) bin ich eigentlich schon mit dem Memorieren des Dialogs der beiden Puffgänger aus Frankfurt überfordert und jetzt auch noch so was.
Der echte Duft des Abends ist dann nicht Rotkohl mit Klößen, sondern Melisse mit Mandarine und wird von dem Alex mit der Präzision eines anlaufenden Helikopter-Rotors via Handtuch-Schwenken in der Sauna verteilt. Man solle nun ja bloß allen Stress fallen lassen (“Geniessen Sie es!”) und nur noch an drei Dinge denken: die Sauna, den Alex und das Bier. Ein bisschen komisch kommt mir das schon vor. Erst recht, als der Zeremonienmeister anfängt in der Sauna mitten während des Aufgusses das “Schlaflied” der Ärzte zu singen. Jenes “Schlaflied“, in dem ein Monster mit elf Augen usw. vorkommt. Man kann aber nicht behaupten, dass sich der Alex nix einfallen lässt. Nachdem der Aufguss vorbei ist, gibt es gekühltes Weizenbier aus einem Plastikkrug und Sauna-Smalltalk mit dem Alex. Der erläutert, warum das Bier nach der Sauna, “einfach nur gesund ist” (Mineralien) und wach statt müde macht. Billige Witze oder eine Schote aus Schweden, wo bei einer Trekkingtour ein Typ in der Sauna mal eine Büchse Bier aufgemacht und eine übel riechende Wurst verzehrt hat, liegen auf der Zunge aber ich spüle sie mit kalten Weizenbier runter. Der Alex mag keine Witze von anderen Leuten, das merkt man. Erst recht keine, die sich im weiteren oder engeren Sinne mit dem Thema Sauna auseinandersetzen. Er nimmt den Sauna-Job sehr ernst.
Nach diesem Erlebnis wird der Gute-Nacht-Aufguss natürlich zu einem Pflichttermin. Prima Sache! Neben dem Gute-Nacht-Aufguss gibt es ja auch noch den Berggewitter-Aufguss, den Almwiesen-Aufguss, den Vital-Aufguss und den Schnee-Aufguss im Aufguss-Timetable des Alpen-Resort. Bei jedem Aufguss wird was anderes gereicht, Früchte, gekühlter Waldbeeren-Saft usw. Nicht immer Bier also, was im Prinzip schade ist, u.a. wegen der Mineralien.
Doch schon beim zweiten Gute-Nacht-Aufguss ist der Zauber des ersten Mals verflogen. Der Alex bringt schon wieder die “Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten”-Nummer am Anfang. Kann er doch nicht machen! Statt dem Witz mit den Knödeln redet er diesmal von “Currywurst mit Pommes” und gesungen wird auch nicht mehr. Skurrilitätsfaktor: null. Ein bisschen ist es so, als habe man eine tolle neue Band entdeckt, die in Clubs super Konzerte gibt, den Kontakt zum Publikum sucht usw. Dann wird die Kombo populär, füllt Stadien und Sauna-Frontmann Alex, der Alex, bringt jeden Abend die gleichen Sprüche, weiß schon nicht mehr, in welcher Sauna er eigentlich auftritt und in erstarrter Routine sein Handtuch schwenkt. Beim dritten Gute-Nacht-Aufguss hat Sascha dann seinen freien Tag und eine ruppige Bademeisterin schwenkt das Handtuch. Ohne Witze, ohne Singen. Gute Nacht, Sauna.